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10.01.2017

Das Sachsenspiegel-Dorf

Ein Bericht von Armin Görtz (Leipziger Volkszeitung, 29.12.2016)


Das Sachsenspiegel-Dorf

Der Sachsenspiegel im Dresdner Buchmuseum kommt nur einmal im Jahr für sechs Wochen
ans Licht: Bis 9. Januar können Besucher die Bilderhandschrift anschauen.
In Reppichau bei Dessau hingegen grüßen tagein, tagaus an jeder Ecke Illustrationen aus dem
mittelalterlichen Rechtsbuch. Dessen Verfasser Eike von Repgow stammte von hier.

 REPPICHAU. Wintergrau macht trübsinnig,
doch beim Blick über den Dorfteich
stellt sich gute Laune ein. Sieben farbenfrohe
Gestalten – darunter ein Papst, ein
Kaiser und eine Schwangere – grüßen
vom andern Ufer. Dem beengten Dasein
zwischen mittelalterlichen Buchdeckeln
sind sie entsprungen und in der Freiheit
auf vier oder gar fünf Meter gewachsen.
Bis zum Interviewtermin mit dem Bürgermeister
bleibt noch Zeit, eine erste
Runde durch Reppichau zu schlendern.
Hier kam mutmaßlich Eike von Repgow
(etwa 1180–1234) zur Welt.
Zumindest lebte die Adelsfamilie in
der Gegend und nannte sich nach
dem Ort. Eikes Sachsenspiegel ist
das wichtigste deutsche Rechtsbuch
des Mittelalters und hier auf Schritt und
Tritt zu erleben.
„Vor 20 Jahren bin ich hergezogen, da
war von diesen Bildern noch gar nichts zu
sehen“, sagt Frank Wehlmann (49). Mit
vier Gleichgesinnten setzt er gerade den
neuesten Hingucker in Szene: Rund um
ein Kruzifix, dessen Vorlage aus Eikes
Werk stammt, soll eine eindrucksvolle
Anlage entstehen. „Der Garagenkomplex
wird wie eine mittelalterliche Burg aussehen“,
erzählt Wehlmann.
Ein Schwätzchen
im Gasthof zur Morgengabe
Das Team leistet Bundesfreiwilligendienst.
Der hiesige Repgow-Förderverein
sorgt dafür, dass ein rundes Dutzend
Menschen eine Aufgabe und ein bescheidenes
Einkommen haben. Das zählt viel
in einem 480-Seelen-Dorf, dessen LPG
nach 1989 ebenso schnell zusammenbrach
wie die Industrie im nahen Dessau.
Sylvia Wilfert (40), die einzige Frau in
Wehlmanns Truppe, lässt sich zu einem
Foto mit Kuh überreden und legt ihre
Harke beiseite. Alte Illustrationen zu
Eikes Text schmücken nicht nur ein paar
lebensgroße Rindviecher aus Kunststoff,
sondern auch Häuser und den Trafo-
Turm. Hinzu kommen die vielen quicklebendig
wirkenden Papp-, besser gesagt
Metallkameraden: Männer und Frauen
posieren an Laternen, Gans und Hund
hasten den Weg entlang. Aus dem Gasthof
zur Morgengabe tritt ein realer
Mensch. Sabine Thielemann (56) lässt
sich auf ein Schwätzchen ein. Zum verblüffenden
Aussehen der Straßen merkt
sie an: „Wir sind alle begeistert
und machen mit.“ Das Lokal
des Fördervereins, in dem
sie sonst Ausflügler bewirtet,
legt bis März eine Winterpause
ein. „Aber im Sommer kommen
viele Touristen“, erklärt sie und lädt
in die Gaststube zum Gucken ein. Wow!
Sachsenspiegel-Ambiente pur.
Bürgermeister empfängt
im Rittersaal
Nun aber flott zum Informationszentrum
„Spegel der Sassen“. Das einstige
Feuerwehr-Quartier präsentiert sich als
Feste. Im farbenprächtigen Rittersaal
empfängt Erich Reichert (67, CDU) zum
Interview. Seit einem Vierteljahrhundert
wirbelt er als ehrenamtlicher Bürgermeister
des mittlerweile zur Gemeinde Osternienburger
Land zählenden Fleckens.
Seine Augen strahlen, wenn
er von Reppichau spricht:
„Das ist ein einzigartiges
Kunstprojekt. Wir sind ein
Freilichtmuseum geworden
– eine Bildungs- und
Informationsstätte zur
europäischen Rechtsgeschichte.“
Bis zu zehntausend
Besucher kommen pro
Jahr. Gruppen lassen sich
von geschulten Einheimischen durch die
Bilderwelt führen und über das berühmte
Buch aufklären, das etwa zwischen 1220
und 1230 entstand.
Reichert schwärmt von der bahnbrechenden
Leistung Repgows. Als juristische
Schriften aus der Antike das mündlich
überlieferte Gewohnheitsrecht zu
verdrängen drohten, schrieb der Adelsspross
die alten Regeln der Sachsen auf.
Deren Spektrum reicht vom Nachbarschaftsstreit
bis zum Schwerverbrechen.
Wobei unter dem Begriff Sachsen seinerzeit
weite Teile Nord- und Mitteldeutschlands
firmierten. Das von Eike festgehaltene
Regelwerk galt fortan
über Jahrhunderte als Gesetz
und wirkte weit über
Deutschland hinaus.
„Eike hat zum
Beispiel schon vor 800 Jahren das Verkehrsrecht
geregelt: Wer zuerst zur Brücke
kommt, der fährt auch zuerst drüber“,
erläutert Reichert und zieht eine Parallele
in die Gegenwart: „Wer zuerst zur Parklücke
kommt, dem gehört sie.“
So unbeschwert wie heute wurde Repgow
in seiner Heimat nicht immer gefeiert.
1934 marschierte der Bund Nationalsozialistischer
Deutscher Juristen in Reppichau
ein – allen voran Roland Freisler,
der als blutrünstiger Präsident des Volksgerichtshofs
in die Geschichte einging.
1959 rollte die berüchtigte DDR-Justizministerin
Hilde Benjamin an, um bei einem
Ortsjubiläum klarzustellen, dass Eikes
Regeln im Sozialismus nicht mehr akzeptabel
seien. In einer damaligen „Reppichauer
Weltchronik der einfachen Leute“
hieß es poetisch: „Wenn auch Eike nach
Wegen suchte, die aus dem Dunkel
herausführen sollten, so zeigten erst Marx
und Engels den Menschen den Richtweg
aus Knechtschaft, Elend und Krieg.“
In der Folgezeit spielte Repgow in der
DDR kaum eine Rolle. Gegen den
anfänglichen Widerstand der damaligen
Bürgermeisterin stellte Reichert 1984 als
CDU-Ortschef immerhin einen historischen
Festumzug auf die Beine. Seinen
großen Coup landete er im Jahr 2000,
gründete mit Gleichgesinnten den
Förderverein, um Reppichaus
großen Sohn zu würdigen. Ein
hallescher Wissenschaftler
schickte Fotokopien von Sachsenspiegel-
Illustrationen. „Wir waren davon
begeistert und sagten: Das müssen wir
einer Vielzahl von Menschen zeigen“,
erinnert sich der Bürgermeister.
Abflussrohre aus Plaste
als prunkvolle Säulen
Die Idee vom Kunstprojekt war geboren.
Vereinschef Reichert, der viele Jahre
als Abgeordneter im sachsen-anhaltischen
Landtag saß, kennt sich darin aus,
Fördergelder von Land, Bund und EU
sprudeln zu lassen, entwickelt immer
neue Ideen. Diverse touristische Routen
führen nun ins Dorf, darunter der Lutherweg.
Wobei der Sachsenspiegel als erstes
deutschsprachiges Prosawerk gilt. Erst
rund 300 Jahre später machte sich der
Reformator aus Wittenberg an seine
berühmte Bibelübersetzung.
Zum Schluss des Interviews lädt Reichert
zur Besichtigung weiterer
Highlights ein. An seiner Seite:
Frank Schönemann (74), der mit seinem
Sohn und einem Dutzend Mitarbeitern
im Ort eine renommierte Kunstschmiede
betreibt und die Figuren in
Form bringt. Die Bemalung übernimmt
der Köthener Künstler Steffen Rogge.
Zu sehen gibt es allerhand: Eine
Attrappe der hölzernen Burg, die einst in
dem Flecken gestanden haben soll,
schmückt den Touristen-Rastplatz.
Daneben staffierte der Verein eine
alte Werkstatt als glanzvollen Kaisersaal
aus. „Die Säulen sind eigentlich
Abflussrohre aus Plaste, der italienische
Marmor war uns zu teuer“, plaudert der
Bürgermeister aus.
Höllenmonster warnt
vor Machtmissbrauch
Touristen stoßen zudem auf einen
nachempfundenen Gerichtsplatz, ein
Museum zeigt Nachdrucke der vier Bilderhandschriften,
aus denen die Vorlagen
für das bunte Treiben in den Straßen
stammen. Neben der Kirche steht eine
besonders eindrucksvolle Plastik: Gott
übergibt dem König das Schwert zum
Richten, mahnt aber zum verantwortungsvollen
Gebrauch – ansonsten...
Drohend reißt ein Monster sein Maul
auf. Einst verbreitete dieser Höllenschlund
Furcht. Heute passt das lustig
wirkende Biest glänzend ins Gute-Laune-
Dorf.

Service

Reppichau
Das Dorf erreichen Besucher über die
A 9. Ab Abfahrt Dessau-Süd verläuft die
Route über die B 184 in Richtung
Dessau, dann über die B 185 Richtung
Köthen. Ab Mosigkau führt eine Landstraße
nach Reppichau. Das Info-Zentrum
am Teich ist im Winter in der Regel
Mo.–Fr. von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr
geöffnet (ab April täglich), Tel. 034909-
707 00. Die schönsten Darstellungen
finden sich im Umfeld von Teich, Kirche
und in der Straße Sachsenspiegel, wo
diverse Informationstafeln stehen.

Eike von Repgow

Die adlige Familie, die
sich nach ihrem
vermutlichen
Wohnsitz Repgow
(heute: Reppichau)
nannte, wurde
erstmals 1156
erwähnt. Eike lebte
etwa von 1180 bis
1234 und verfügte
wahrscheinlich über eine geistliche
Ausbildung. Urkunden belegen diverse
Auftritte als Zeuge vor Gericht, unter
anderem in Grimma und Delitzsch. Der
Sachsenspiegel-Autor galt lange auch
als Verfasser der Sächsischen Weltchronik,
was nach neueren Forschungen
aber nicht zutrifft.